Naturkosmetik: In welche Richtung entwickelt sie sich?
Viele Jahre lang war die Naturkosmetikwelt klein, überschaubar und ruhig. Seit ein, zwei Jahren aber brodelt es mächtig. Mit dem zunehmenden Erfolg der Naturkosmetik kam viel Bewegung in die Sache. Und nun stehen Verbraucher nicht nur vor diversen neuen Marken, sondern auch vor ganz neuen Zertifizierungen.
Eine neues Label – NaTrue – ist seit Anfang 2009 auf dem Markt, ein weiteres neues Label – Cosmos – wird folgen. Brauchen Verbraucher tatsächlich neue Labels. Ich meine: Ja. Warum, das zeigt ein Blick über die Grenzen. Dort wurden in den letzten Jahren viele neue Marken geboren und das vorherrschende Label in Frankreich ist eines mit dem Wörtchen bio im Namen: Cosmétique Bio Charte Cosmebio.
Grenzen sind im EU-Europa kein Begrenzung mehr für den freien Fluss von Waren – in die eine wie in die andere Richtung. Die Kosmetikregale in den Bioläden, den Drogeriemärkten und den Parfümerien sind mit einem internationalen Angebot gefüllt.
Die Naturkosmetikwelt hat sich verändert Wer mit dem Angebot der Naturkosmetikpioniere wie Weleda, Dr. Hauschka oder Logona groß geworden ist – vereint unter dem Dach der Naturkosmetik-Zertifizierung BDIH Kontrollierte Naturkosmetik – reibt sich inzwischen beim Blick auf so manche andere Marke verwundert die Augen. Und stellt sich Fragen.
Warum enthalten Produkte mancher Newcomer ganz andere Inhaltsstoffe als die Produkte anderer Hersteller?
Bieten die einen eine Bioqualität und die anderen nicht?
Die Zertifizierungen, mit denen die Produkte versehen sind, haben sich kaum verändert. Was sich jedoch verändert hat, ist das Angebot an Rohstoffen für Naturkosmetik. Das wichtigste Beispiel dafür sind die Esteröle (siehe Thema: Esteröle contra echte Pflanzenöle). Sie spielten vor einigen Jahren noch kaum eine Rolle. Inzwischen haben sie bei manchem Hersteller echte Pflanzenöle weitgehend verdrängt. Da stellt sich die Frage: Wie reagieren die Träger der Zertifizierungen darauf?
Der BDIH hat z. B. reagiert und entschieden, dass Esteröle nur maximal 50% der eingesetzten Öle ausmachen dürfen. Echte, ganzheitliche Pflanzenöle sollen also weiterhin eine wichtige Rolle in Produkten mit einer BDIH-Zertifizierung spielen.
Der größte Zertifizierer in Frankreich, Ecocert, hat nicht auf den Esteröl-Boom reagiert. Bei einer Ecocert-/Cosmebio-Zertifizierung können Esteröle also in unbegrenzter Menge eingesetzt werden.
Für mich steckt in diesem Punkt die Frage: Was will und soll eine Zertifizierungs-Richtlinie in bezug auf die erlaubten Inhaltsstoffe leisten? Sind naturbasierte synthetische Zutaten und echte, ganzheitliche Naturstoffe gleichwertig oder will man auch qualitative Akzente setzen – z. B. durch eine Begrenzung von Esterölen.
Wie ist es um die Bioqualität von Naturkosmetik bestellt?
Lange war das Wort Naturkosmetik ein Markenzeichen. Inzwischen hat es mit dem Wort Biokosmetik Konkurrenz bekommen. Diese Konkurrenz ist jedoch eine verbale und keine tatsächliche. Und das aus zwei Gründen:
Rohstoffe aus biologischem Anbau waren und sind ein integraler Bestandteil der Naturkosmetik. In der Regel werden diese Inhaltsstoffe in der Deklaration mit einem Sternchen* gekennzeichnet.
Verwirrung entsteht z. T. dadurch, dass französische Zertifizierungen ein Bio im Label tragen und dass die Bio-Regelungen einer BDIH-Zertifizierung bislang nur unzureichend kommuniziert und nicht im Label ausgewiesen wurden.
Über Wasser zur Bioqualität? Je mehr das Wort bio in den Vordergrund rückt, desto notweniger wird es, die entsprechenden Regelungen auf ihre Qualität hin abzuklopfen.
• So ist ein zentraler Nachteil des bisherigen Ecocert-/Cosmebio-Labels, dass die Bioqualität weitgehend auf Wasser beruhen kann. Pflanzenwasser spielt in vielen Produkten eine entscheidende Rolle. Ein solches Wasser besteht, wie der Name bereits signalisiert, fast vollständig aus – Wasser. Da dieses Wasser in die Biokalkulation einbezogen werden darf – wenn ein Bio-Pflanzenwasser eingesetzt wird – ist auf leichte, preiswerte Weise eine Einstufung als Bio-Produkt zu erreichen. Aus Verbrauchersicht ist eine Bioqualität, die auf Wasser beruhen kann, eine Qualität, die diese Bezeichnung nicht verdient. Darum steht mit dem Thema neue Zertifizierungen auch das Thema Bioqualität auf der Tagesordnung. Die Frage: Welches Label steht für eine hochwertige Bio-Qualität?
In welche Richtung entwickelt sich Naturkosmetik? Für mich ist die zentrale Frage: Bleibt Naturkosmetik echter Natur treu bzw. kehrt wieder verstärkt zu echter Natur zurück oder wird sie mehr und mehr zu einer „synthetischen Bio-Kosmetik“, um es mal zugespitzt zu formulieren? Die Weichenstellungen müssen und sollten über die Zertifizierungs-Richtlinien erfolgen.
Echte Natur & Bioqualität: Welche Antwort gibt das neue Label NaTrue? NaTrue ist die erste und bislang einzige Zertifizierung, die das komplexe Thema echte Natur – synthetische Natur – Bioqualität konsequent anpackt und regelt. Was ich besonders begrüße:
Wer nach NaTrue zertifiziert, muss einen hohen Anteil echter, ganzheitlicher Naturstoffe einsetzen.
Wieviel genau, ist für jede Produktgruppe festgelegt.
Wasser darf bei der Berechnung des Bioanteils nicht mit einbezogen werden.
Schlüsselbegriffe der NaTrue-Zertifizierung sind die Begriffe
- Naturstoffe
- naturnahe Stoffe und
- naturidentische Stoffe
Alle für Natur- und Biokosmetik zugelassenen Inhaltsstoffe werden einer dieser drei Kategorien zugeordnet.
Wieviel chemisch unveränderte Natur (Naturstoffe) muss mindestens eingesetzt werden? Wieviel chemisch veränderte Natur (naturnahe Stoffe) darf höchstens eingesetzt werden? Wie hoch muss der Bioanteil sein?
Auf der Basis dieser Kriterien stuft NaTrue Naturkosmetik in drei Gruppen ein, die mit einem Stern*, mit zwei Sternen* und mit drei Sternen* gekennzeichnet werden.
Naturstoffe: Als natürlich gelten z.B. nur ein echtes Palmöl und ein echter Algenextrakt. Werden Pflanzenöle oder -extrakte in anderer Form (siehe nächster Punkt) eingesetzt, gelten sie nicht mehr als natürlich. Durch diese Regelung soll sichergestellt werden, dass die zertifizierten Produkte einen hohen Anteil echter Natur enthalten.
Der Anteil echter Natur muss z.B. bei einer NaTrue-Zertifizierung bei einer Creme (Wasser-in-Öl) mindestens 30% betragen.
Naturnahe Stoffe: Solche Rohstoffe dürfen nur in einer bestimmten Größenordnung eingesetzt werden. Die Höchstgrenze liegt z.B. bei einer Creme-Emulsion bei 15%.
Zu den chemisch veränderten Rohstoffen gehören z.B. Emulgatoren und Tenside, aber auch Stoffe wie Hydrogenated Palm Oil oder Hydrolyzed Algae Extrakt. In diesen Begriffen stecken zwar die Wörter Palmöl und Algenextrakt, aber es handelt sich nicht um reine Naturprodukte. Zu den naturnahen Stoffen zählen auch die Esteröle. Dadurch wird ihr Einsatz z.B. in Cremes signifikant begrenzt.
• Naturidentische Stoffe. Zur Gruppe dieser Inhaltsstoffe gehören nur die Konservierungsmittel und die Farbstoffe. Welche Konservierungsmittel und welche Farbstoffe zugelassen sind, wird in der Richtlinie festgelegt.
Verbraucher sind gut beraten, wenn sie in Zukunft noch genauer hinschauen Da auch das zweite neue Label – Cosmos – demnächst Realität wird, wird es noch wichtiger werden, alle Labels genau darauf abzuklopfen, wie hoch oder wie niedrig die Standards, die darin festgeschrieben werden, sind. Die Frage ist aber nicht zuletzt: Was will der Verbraucher? Ist ihm echte Natur wichtig oder geht er den Weg in Richtung „synthetische Bio-Kosmetik“ mit?
Ich werde auf dieser Webseite die Entwicklung weiterhin beobachten und noch ausführlich über die neuen Zertifizierungs-Richtlinien berichten.